David Moon

Musician & Barkeeper // Walrusbar

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1. „We love what we do“ ist die Überschrift unseres Blogs – damit sprechen wie Menschen an, bei denen wir das von außen betrachtet so sehen. Erzähle uns, was den Reiz und die Liebe ausmacht, auf eine Bühne zu gehen und zu performen?

Ich habe ein Interesse daran, Menschen eine andere Welt zu zeigen, eine bestimmte Tür für einen Augenblick aufzumachen. Diese Möglichkeitsräume zu schaffen macht für mich Kunst aus, etwas anderes zu sehen oder wahrzunehmen als man gewohnt ist. Ich habe schon ein paar Mal von Leuten gehört, dass sie überrascht über das sind, was ich auf der Bühne mache. Dramatischer Synthiepop mit hoher Stimme, das passt ja erstmal nicht zu meinem Look. Gerade der Aufhebung solcher Muster gilt mein Interesse. Kunst ist für mich eher etwas, was sich mosaikartig aufbaut. Die Quellen, aus denen Gedanken, Kunst, Kreativität kommen, interessieren mich dabei aber nicht, genau so wenig ob etwas authentisch ist oder nicht oder auf den ersten Blick passt. 

 interview tendaysaweek/david moon

2. Wann hast du das erste Mal die Bühne für dich entdeckt?

Bei mir war das wahrscheinlich so wie bei den meisten. In Kinderjahren gestaltet man sich durch spielerische Momente seine eigene Welt. Man zeichnet Comics, erfindet Sachen, spielt Zombie. Man taucht gefühlt in eine andere Welt ein. Dieses Verlassen des Realen gewöhnen sich viele im Erwachsenenalter wieder ab. Ich habe mir das halt ein Stück weit erhalten. Wenn man dadurch den „normalbürgerlichen“ Werdegang verzögern kann - Schulausbildung, Zivildienst, Studium -, wenn man also in diesen wichtigen Jahren zwischen 20 und 26 Jahren nicht in dieses „Verwertungsnetz“ gedrückt wird, dann lebt man ein Stück weit länger in der eigenen Welt. Dann ist zwar der „Drops“ auf vielen beruflichen Ebenen gelutscht, aber das war für mich eh nie so wichtig.  

 

3. Ist das der Grund warum du nicht mit der bildenden Kunst weiter gemacht hast?

Ich bin nicht so objektaffin, ich komm ja eher aus der Performance- und Konzeptkunst. Galerien wollen aber halt Objekte verkaufen, deswegen müssen Sachen da ja immer irgendwie funktionieren. Da gibt es im Rock’n Roll-Zirkus andere Möglichkeiten - Selbst wenn was daneben geht oder jemand richtig auf der Bühne durchdreht, dann ist das negative Presse und die gibt es bekanntlich ja nicht. In der bildenden Kunst funktioniert das so nicht — man hat tierisch viel Vorlauf und wenn es dann nicht funktioniert, hängt der „Scheiß“ wochenlang an der Galeriewand. 

4. 80er Jahre Disco-Zauber — wie kommt man darauf Synthiepop zu machen?

Wenn man über Zeitreisen singt, dann schaut man automatisch aus der Perspektive Zukunft auf die Vergangenheit zurück. Von daher ist es auch relativ einleuchtend 80er Synthie-Sounds zu benutzen. Man kann aber natürlich auch mit einem Cello zwischen den Beinen über Roboter singen. 

 

5. Die 80er, ich denke da an Schulterpolster, Air Brush, Banana Splitt, Prince, Cyndi Lauper, Raffaelo-Mädchen, Posterwand. Was verbindest du mit den 80ern?

Leichter Wein, leichtes Essen, Tschernobyl, Falklandkriege, „We didn’t start the fire“ von Billy Joel, Tony Hadley und dieses Mädchen, in das ich total verknallt war, dessen Name mir aber nicht mehr einfällt. Was mich an den 80ern aber tatsächlich fasziniert: Ich schau 30 Jahre später auf ein Jahrzehnt zurück, das in sich schon retro war. Musikalisch, die Mode, der Stil, all das war in den 80ern schon unglaublich von den 50ern inspiriert, spezifisch von der Frühphase des Rock’n Roll. Es gab die Ray Ban Sonnenbrillen, die Petticoats, Neonschilder und Pastellfarben. Dieser rückwärtsgewandte Blick der US-geprägten Populärkultur, diese ungestillte Sehnsucht nach den „Good Old Times“ vor dem Vietnamkrieg, das find ich unglaublich inspirierend.

 

6. Bist du generell ein Nostalgiker ?

Wie schon gesagt, ich bin null objektaffin. Dinge kommen und gehen, was vorbei ist, ist vorbei. Musikalisch gesehen ist der Blick zurück bei mir nur ein Stilmittel. 

  

7. Du warst mit deiner damaligen Band „Lip/Sync“ recht erfolgreich, nach dem tragischen Tod eines Bandmitglieds ging es dann nicht mehr weiter. Warum?

Wir waren ein Trio, bei drei fängt eine Reihe an, zwei sind nur ein Paar — das meint wiederum etwas völlig anderes und hat auf der Bühne eine komplett andere Dynamik. Dee’s Tod war ein Schock, es wurden Touren abgesagt, eins kam damals zum anderen. Dadurch wurde man arbeitsmäßig mindestens zwei Jahre zurückgeworfen. Alles hatte irgendwie einen bitteren Nachgeschmack bekommen. Vorher hatte alles Energie, es war leicht. An diesen Punkt sind wir nicht mehr zurückgekommen.

 

interview tendaysaweek/david moon

8. Warum arbeitest du nicht weiter in einer Band? Erlaubt einem das Arbeiten als Solist mehr Freiräume für die Performance?

Ich weiß heute, was ich brauche und was nicht. Im Augenblick brauche ich bei den Größenordnungen meiner Gigs einfach niemanden, das kann ich ganz gut alleine rocken. Außerdem muss ich nicht auf das „Künstler-Ego“ eines anderen achtgeben. Ich muss also keine kreativen Kompromisse eingehen. Das ist natürlich nicht immer von Vorteil, denn der Austausch kann ja auch durchaus befruchtend wirken. Ich genieße aber gerade die Freiheit, alleine entscheiden zu können, wie und wann ich an Songs arbeite, wann ich auf Tour gehe und welche Gigs ich vereinbare.

 

9. Deine Musik ist sicher alles andere als Mainstream oder jedermanns Sache. Ist das eine bewusste Entscheidung, sich außerhalb des Stromes zu bewegen oder ist es schlicht und ergreifend einfach dein Ding?

Meine Musik ist ganz einfach Popmusik und total zugänglich. Wer das noch als sperrig wahrnimmt —ich möchte halt kein „Steigbügelhalter“ sein, ich bin das Pferd. Es ist ganz simpel: Ich mache einfach das, was ich gerne machen möchte. Ich überlege nicht vorher, was die Menschen mögen. Dann wäre man ja wie DJ Bobo. Nichts gegen ihn, aber das ist alles kompletter Mist und ich finde so was auch nicht witzig! Ich habe ein künstlerisches Interesse zu arbeiten. Wenn es allein ums Geld ginge, hätte ich mir in den letzten Jahren eine Karriere als Texter oder Werbefutzi aufgebaut. Ich verdiene gerne Geld mit meiner Musik, mache gerne weniger Lohnarbeit — klar. Aber nicht mit etwas, hinter dem ich nicht voll und ganz stehe.

 

10. Was sollte man wissen, wenn man sich den Beruf des Musikers oder Performers aussucht?

Husseln, Husseln, Husseln —  spiel, so oft du kannst, es gibt keinen schlechten Gig! Mach die Welt zu einem besseren Ort, indem du deinen eigenen guten „Scheiß“ reinbringst. Das meine ich jetzt gar nicht politisch, aber wenn du das gut machst und es nicht langweilig ist, wird es immer Leute geben, die du damit begeisterst. Das ist zumindest für mich der Gradmesser, dann weiß ich, ich habe einen guten Job gemacht. Also nochmal: machen, machen, machen — Zweifel ist total cool, aber hinterher weißt du es halt besser!

 

11. Kunst und Lohnarbeit — du arbeitest zu deiner Musik noch im Walrus, eine Bar auf St. Pauli. Bist du ein Musiker hinter der Bar oder ein singender Barman? 

Du kennst die Antwort. Ersteres!

 

12. Was macht für dich den überhaupt den Reiz aus, in einer Bar zu arbeiten?

Egal, wo es ist oder was ich mache, ich muss mich einfach für die Arbeit motivieren können. Ich muss daran etwas finden, was ich toll finde. Wir sind ein gutes Team — man wird wertgeschätzt vor und hinter der Bar. Zudem hat man in der Bar die Möglichkeit seine „crowd“ zu erziehen, das ist eben etwas vollkommen Anderes, als wenn man als Künstler auf der Bühne steht. Das ist ein ganz anderes Verhältnis zum Publikum.

13. Nenn mir bitte spontan drei bis fünf Begriffe, die dir zu Synthiepop einfallen?

Auflösung von Geschlechterrollen, Modernität, Synthese, Analyse, Ernsthaftigkeit.

 

14. Was wäre eine große Herausforderung für dich?

Gesünder zu leben. Ich konsumiere einfach total gerne. Als Barkeeper und Musiker ein asketisches Leben zu führen, ist sehr schwierig. Ich müsste mich diesbezüglich komplett umbauen, da habe ich aber keinen Bock drauf.

 

15. Was ist bei dir im Kühlschrank?

Normalerweise Käse, Milchprodukte, ein gutes Stück Gänseleberpastete, ein Flasche Apfelsaft. Und ganz wichtig: Eiswürfel im Oberstübchen. Das ist eines der tollsten, modernsten, klarsten Konsumgüter überhaupt. Was für ein unfassbarer Aufwand, früher holte man das Eis mit Schiffen vom Nordkap nach Europa. Heute nimmt man Wasser, kühlt das mit Elektrizität, bis es zu Eis wird, damit es im Drink später wieder seine Energie abgeben kann. Für jemanden mit einer Neigung zum Hedonistischen ist das Eis einfach ein wunderbares Bild. 

 

16. Bis du jemand, der nickend an der Tanzfläche steht oder tanzt du?

Das Bedürfnis „Ich muss unbedingt wieder tanzen“ arbeite ich eigentlich konsequent den ganzen Tag über ab. Ich tänzle eigentlich permanent. Tanzmusik, Diskotheken und dieses ganze gebrauchstechnische Ding des Tanzens interessieren mich aber auch nicht so. Ich unterhalte mich tatsächlich lieber mit Leuten und trinke einen trockenen Wodka-Martini. Wenn der Abend stimmt und die Leute, mit denen man unterwegs ist, klar — dann kreiert man auch schon mal neue Tanzstile in der Mitte der Tanzfläche. Aber sonst rede und trinke ich lieber. 

 

 17. Was ist die beste Idee bis jetzt in deinem Leben?

 Also, da muss ich erstmal drüber nachdenken — ich denke es war eine wahnsinnige gute Idee nach Hamburg zu ziehen. Das habe ich wegen meiner Frau gemacht, denn ich hatte keine Lust auf eine Fernbeziehung. Das war eine wirklich gute Idee. Kreativ gesehen ist der neueste Song immer die beste Idee. Ich arbeite jetzt gerade wieder an Songs, da ist so viel Richtiges drin. Ich fühl mich sehr gut aufgehoben dabei. Man kann das nicht forcieren, aber wenn einen die Muse so küsst, das ist schon ziemlich klasse.

 

18. Auf einer Skala von 1-10: Wie geht es Dir heute?

ich nehme ne 9,84.

 …Danke für dein Mitmachen - und dass du uns teilhaben lässt.


Hier eine speziell für tendaysaweek angelegt Lieblingsplaylist von David, einfach mal reinhören…

 https://play.spotify.com/user/david_adam_moon/playlist/1gTk1UFX4c0QVTCtkvLhMk

 


special thank to //  simone jung for edit (again and again…)


 

 Quickreport //

 1.süß oder salzig? süß

2. morgens oder abends? abends 

3. mehr ist mehr oder weniger ist mehr? mehr ist mehr 

4. lieber allein oder am liebsten mit vielen? wenn ich alleine bin, möchte ich mit Leuten rumhängen; wenn ich mit Leuten rumhänge, gehen sie mir auf die Nerven. 

5. auto oder fahrrad? fahrrad

6. sekt oder selters? sekt

7. berge oder meer? meer

8. electro oder pop? pop

9. bleistift oder kugelschreiber? kugelschreiber

10. rom oder hongkong? rom

  

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