fernando de brito

artist

Schreibe einen Kommentar

Der Mensch ist Thema der meisten Arbeiten, erklärt mir Fernando und zeigt auf die Zeichnungen, welche aus dynamischen Liniengeflechten bestehen, die Assoziationen an in Auflösung befindliche Geschirrhandtücher auslösen. Ihre reduzierte Ästhetik und die Konzentration des Künstlers, die jeder Linie eingeschrieben ist, faszinieren mich, seit ich das erste Mal ein ‚Psychogramm’ von Fernando in einer Galerie entdeckte.

Die Bilder sind Porträts – wenn wir einem Menschen begegnen machen wir uns innerhalb kürzester Zeit ein hochkomplexes Bild dieser Person. In der Serie ‚NAMES’ nähert sich Fernando seit 1998 in einer verblüffenden Konsequenz Personen bzw. Persönlichkeitsstrukturen. Auch die monochromen Diptychen kreisen um den Menschen – in langwierigen Prozessen sind über das Sammeln von beschreibenden Adjektiven, von Attributen, von Farben und dem gefühlten Verhältnis der porträtierten Paare zueinander Doppelportraits entstanden, denen ebenfalls ein stringentes und doch berührendes Konzept eingeschrieben ist.

 

Fernando ist ein höchst aufmerksamer Beobachter seiner Umgebung und ein Künstler, dessen leise und konzentrierte Arbeiten dem Betrachter Resonanzräume für subjektive Erfahrungen schaffen, die uns – wenn wir uns darauf einlassen – auf eine Reise durch die Brüchigkeit und Ambivalenzen der Menschen wie auch der Welt im Allgemeinen mitnehmen. So ist Fernando für mich ein Seismograph zwischenmenschlicher Beziehungen, der seine feinfühligen Beobachtungen mit einer zauberhaft charmanten brise Humor verschmilzt.


 

1. Disziplin oder Inspiration, was ist deine treibende Kraft?

Beides.

»

2. Wie beginnst du deinen Arbeitstag?

Sehr früh.

»

3. Dein persönliches Lebensmotto?

Nicht auffallen. Und einfach versuchen meinen Tag zu organisieren und mit Disziplin zum Ergebnis zu kommen.

»

4. Deine Initialzündung in Sachen Kunst?

Die kommen sehr verspätet. Die Zündkerze springt oft nicht sofort. Es gibt ein Beispiel: Ich bin irgendwo, wie zum Beispiel kürzlich in Athen, und fühlte mich unglaublich beladen. Ich bin ins Hotel gegangen, weil ich meistens Skizzen mache, in Büchern und so weiter und habe das einfach gemacht und gesagt – das funktioniert nicht, die Idee die du hast und das was du auf das Papier bringst – das funktioniert überhaupt nicht. Mein Karussell ist ein anderes. Es dreht ständig im Kreis und ich steige mal ein und mal aus, lege Ideen ab und nehme sie wieder auf. Es kommt immer wieder, so einmal im Jahr, dass ich bestimmte Themen behandele und das geht über viele viele Jahre. Es ist nie so, dass ich etwas spontan mache.

»

5. Was macht dein Atelier aus? Was macht es besonders?

Ich brauche das Atelier, die Organisation, die Sachen. Ich gehöre nicht zu der Gattung Künstler, der so ist: Ich habe eine Idee und dann gehe ich los zum Malerladen und treffe da einen Freund und dann landen wir in der Kneipe und dann saufen wir uns einen an und dann habe ich vergessen was ich kaufen wollte. Sondern ich habe meine Materialien immer da und wie schon in der vorigen Frage – da ist immer sehr viel mit Bedacht und Disziplin und schon überlegt: was passt zu welchem Medium. Es ist wie bei einem Instrument. Wenn du eine Viola da Gamba hast, dann kannst du die nicht zupfen. Dann musst du sie mit dem Bogen spielen.

Und es ist ein Ort, wo man, wenn man nicht weiterweiß, zurückgreifen kann. Ob das jetzt Bücher sind oder dass man wieder andocken kann an das Vorige, wo man nicht weiterkam und Sachen überprüfen kann. Es ist wie ein Karussell. Du musst dir vorstellen es gibt diesen Feuerwehrwagen, es gibt die Giraffe und es gibt den Polizeiwagen, das Motorrad. Und da springe ich rauf und dann springe ich wieder ab. Und das Interessante daran ist ja, im Laufe dieser Jahre immer wieder einen Neustart mit dem gleichen Thema zu machen. Wie sich da auch was verändert. Weil ja der Zugang und der Umgang mit diesem Thema jedes Mal auch ganz anders ist.

»

6. Dein liebstes Arbeitsutensil?

Leere Bücher. Immer mit dem Papier und dem Stift verbunden zu sein. Manchmal sind es jedoch auch bedruckte Bücher. Im Moment bearbeite ich zum Beispiel ein Buch von Patricia Highsmith mit meinen Zeichnungen. Eine Freundin hat mir das geschenkt und war ganz angetan davon und dieses Buch schleppe ich schon seit so vielen Jahren mit mir rum und mochte es auch nicht wegwerfen und musste dann die Antwort finden: was mache ich jetzt damit? Und dann irgendwann fing ich an das einfach zu übermalen und habe damit im wahrsten Sinne des Wortes etwas mit Patricia Highsmith zusammen gemacht. Wie ich ja auch mit anderen Künstlern zusammen Künstlerbücher mache.

»

7. Welche Themen beschäftigen dich in deiner Kunst?

Das ist immer unterschiedlich. Zu Beginn waren es vor allem die Effekte, dann merkst du aber, es sieht zwar gut aus, aber es transportiert nichts, es besteht einfach nicht. Später habe ich begonnen mit Themen zu arbeiten. Und aus diesen Inhalten der Themen ein Gebilde zusammenzubringen. Ob das jetzt Paare waren oder die Serie NAMES, also diese seismographischen Porträts, die aus der Erinnerung an einen Menschen entstanden sind. Oder ob es politische oder soziologische Themen sind, wie zum Beispiel jetzt die Bewegung der Völker, hervorgerufen durch politische Umstände, durch Vertreibung und durch Ungerechtigkeit. Also dieses Thema: sunt lacrimae rerum – die Welt ist voller Tränen. Womit ich mich jetzt so acht oder zehn Jahre beschäftige und wo ich jetzt einen Weg gefunden habe etwas zu machen ist das Thema Kreuz. Ich habe dazu für einen Freund gearbeitet habe, der eine Kapelle im Jura-Tal gebaut. Es sind also schon sehr erdige und klassische und traditionelle Themen könnte man sagen.

»

8. Dürftest du die Ausstellung deiner Träume realisieren, mit wem würdest du ausstellen wollen und warum?

Eine Liaison? Ja, warum nicht. Vielleicht etwas Kontraindikatives. Vielleicht mit Martha Rosler. Das ist eine Künstlerin die sich sehr stark mit soziologischen Themen wie Fashion und War beschäftigt. Sie zeigt die unterschiedlichen Diskrepanzen, die wir auf der Welt haben: Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Schönsein und dann pure Armut.

»

9. Wovon träumst du nachts?

Ich habe keinen besonderen Traum. Weil ich mein Leben so lebe wie ich es leben will. Ich bin mit der Frau verheiratet, die ich heiraten wollte, ich trage die Kleidung, die ich immer tragen wollte, ich gehe in den Restaurants essen, wo ich gerne essen gehe, ich bereise die Länder, die ich gerne bereisen will. Es ist ein reelles Leben.

»

10. Was ist in deinem Kühlschrank?

Hier im Atelier habe ich keinen, aber zuhause habe ich einen der mit einer Glasscheibe versehen ist. Ich kann genau sagen, was alles darin ist. Es ist immer ein sehr großes Stück Parmesankäse, darin, dann einige Flaschen Weißwein und Mineralwasser aus Belgien, Chutneys, die zum Teil selbstgemacht sind, Schokolade, Butter und natürlich Käse – entweder Ziegenkäse oder Frischkäse.

»

11. Wem würdest du gerne mal die Hand schütteln – tot oder lebendig?

Also es würde auf keinen Fall irgendein Prominenter sein, oder Menschen die irgendwie in der Öffentlichkeit sind. Es wären eher Menschen, der nicht so präsent sind, aber irgendwo etwas bewegt haben. Ich habe mal von einem Mann gehört, ein Russe, noch gar nicht so lange her, der uns bewahrt hat vor dem Atom-Gau. Es gab den Befehl irgendwie auf einen Knopf zu drücken und der hat es nicht getan. Weil er dachte es muss sich um einen Fehler handeln und das mache ich jetzt nicht. Jemand so wie er oder vielleicht eine nette Bäuerin aus dem Piemont oder so.


Quickreport//

 

süß oder salzig? salzig

morgens oder abends? morgens

mehr ist mehr oder weniger ist mehr? weniger ist mehr

lieber allein oder am liebsten mit vielen? beides

auto oder fahrrad? esel

sekt oder selters? portwein

berge oder meer? berge

elektro oder pop? elektro

bleistift oder kugelschreiber? beides

rom oder hongkong? rom

 

Danke für dein Mitmachen – und das du uns teilhaben lässt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.