One Room — one light

Talk with Katja Ruge // über ihre Artist Residency im Tempel 1844 — in Zeiten des Stillstands

Ausgestattet mit maximal einer Lampe, pilgerte Katja Ruge fast täglich an diesen halbvergessenen Ort. Man kann in der Tat von Pilgern sprechen, denn die komplette Bilderreihe, der abgelichteten Hamburger Musiker*innen (u.a. Digitalism, Rasaceae, Felix Kubin, Sarajane, Finna uvm., ist ausschliesslich in Zeiten des Lockdowns im Tempel 1844 entstanden. Ein Weg mehr als eine Idee — ein sich Einlassen und Eintauchen in diesen Raum und ein gemeinsames „Abtauchen“ aus der, in dieser Zeit so fremden, realen Aussenwelt.

Wenngleich viele ihrer in der Musikbranche tätigen Freunde und Bekannte Corona bedingt ihre Arbeit und Perspektive verloren haben, so hat Katja diese Zeit des Stillstandes auch geniessen können. Viel zu viel war Anfang des Jahres wieder los gewesen. Die Fotografie, das Auflegen in Clubs, auch privat war einiges, was es zu bewältigen gab. Kaum Zeit mal durchzuatmen, innezuhalten oder sich Gedanken zumachen.

Grundsätzlich ist viel Energie voll Katjas Ding: „Ich liebe den Exzess“, sagt sie ruhig und gelassen an meinen Esszimmertisch. „Ich gehöre als Kind der Siebziger nun mal zu der Hardcore-feier-Generation. Wenn der Schweiss nicht von der Decke tropft, dann ist es eigentlich auch keine richtige Party.“ 

Dieses Reinfallen lassen in eine Nacht, der unkontrollierbarer Sog, der einen durch eine solche Nacht spülen kann— das Treffen und Begegnen — die Energie eines Raumes und natürlich Musik, Musik, Musik. 

Das ist eigentlich das Einzige was Katja gerade richtig fehlt — diese Ausgelassenheit im Sein. Sich sein lassen können, treiben lassen ohne Reklamation. „Aber was soll’s— nun ist halt die Zeit, die Bälle einfach etwas flach zu halten!“  Nun bekommt sie Tomatenpflanzen von dem kleinen Hamburger Plattenladen „Smallville“ geschenkt, bewundert die Backkünste ihrer Freunde auf Instagram 😉 oder widmet sich endlich mal ihrem Fotoarchiv.

Dass die Welt da draussen mal still stand, hat Katja persönlich richtig gut getan. Es ist wirklich schön, Zeit und Ruhe zu haben, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das DASEIN— beschränkt sich nun mal nicht nur auf das Geld-verdienen. Schon aus diesem Grund hält sie die Dinge von jeher lieber klein. Weil man so in fast allem beweglicher bleibt.

„Freiheit ist das grösste Gut“ — das muss für Katja auch nicht immer die „grosse Freiheit“ sein. Manchmal reicht auch „die kleine, mit dem Auto in die Boberger Dünen fahrende Freiheit“.

Auch das mit sich alleine sein, bereitet Katja keine wirkliche Sorge — sie würde sich selbst eher als totalen „Homie“ bezeichnen. Gerade, wenn viel los ist, mental oder beruflich, braucht sie einen Ort des Rückzugs. Von Stillstand kann man bei ihr sowieso nie sprechen. Irgendetwas ist immer. Auch in Zeiten des Lockdowns waren laufend ein paar Bilder für Kunden zu bearbeiten, ein Mode-shooting in Berlin und natürlich die intensive Arbeit im Tempelhof 1844. 

„Angst vor dem Ungewissen? Nein! Umstände verändern sich schliesslich permanent. Ich konnte mir vor acht Jahren auch nicht wirklich vorstellen, dass der ganze Markt der Musikmagazine zusammenbricht.“ Katja hat gelernt, dass Dinge nicht wirklich weg sind— sie verändern sich nur. Ein Schatz wird schliesslich auch nicht immer an der selben Stelle vergraben— was „by the way“ die Suche nach ihm zudem viel spannender macht.

Das Jahr 2020 ist für Katja, wie für die Meisten von uns, eine andere Welt. Dennoch sagt sie: „Let it flow, let it be“ — und wer Katja kennt, kann sie sich mit ihren rot gemalten Lippen lebhaft vorstellen, wie sie bei diesen Worten ihren blonden Schopf schüttelt und lauthals lacht.

Danke Katja — für diese Inspiration.