Johannes Rienhoff

Schmied // Schmiede Lehmann

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1. Besondere Menschen, besonderes Schaffen, besondere Orte; das ist, womit wir uns in unserem Blog auseinandersetzen. Was macht für dich den Reiz und die Liebe aus, hier tagtäglich zur Tür herein zu kommen?

Die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen und etwas Nachhaltiges zu produzieren. Ob wir jetzt einen Wetterhahn, ein Eingangsportal oder Balkonanlagen von Kontor-Häusern in Abstimmung mit dem Denkmalschutz fertigen: Wir schaffen etwas, das einen bleibenden Wert hat und verewigen uns damit auch ein wenig. Ich werde höchstwahrscheinlich in 60 Jahren mit meinem Enkelkind vor diesen Bauten stehen und ihm zeigen können, was ich mit meinen Händen gemacht habe. Du fertigst jeden Tag einen Teil eines Produktes, das dich höchstwahrscheinlich überleben wird — das ist ein erhebendes Gefühl.Was mir an diesem Job so gefällt, ist, dass er so elementar und pur ist und man sich permanent spürt. Feuer, Wasser, Körperkraft – das alles ist pure Energie und mit der arbeite ich jeden Tag. Kreativ gesehen bin ich dabei scheinbar uneingeschränkt. Was die Form betrifft, ist alles möglich: Masse zu kneten, plastische Verformungen herzustellen, Querschnitte verändern, Tiefe schaffen und mit den Dimensionen zu spielen.

Insgesamt habe ich hier etwas geschaffen, das mich total entschleunigt. Einen Ort, an den ich mich gerne zurückziehe, meinen Wohlfühlraum mit Geschichte ;-). Ich habe zwar diese Schmiede im Kern so gelassen, wie ich sie übernommen habe, aber es ist gewissermaßen ein um mich herum gewachsenes Unikat geworden und sehr authentisch. Alles ist ein wenig arrangiert, vielleicht piefig und schrullig, aber am Ende ist es ja entscheidend, was daraus entsteht. Unsere Rechtfertigung liegt nur im Endergebnis, denn schlussendlich sind wir teuer und fernab von dem marktüblichen Preisniveau. Wir können nur mit extremer Genauigkeit, sauberem Finish und Kompromisslosigkeit punkten.

2. Präzision um jeden Preis, auch, wenn es weh tut: Da sieht man eine Parallele zu deiner Kindheit. Wie kommt man als Kind darauf, Leistungssportler zu werden? Oder war das die Eitelkeit deiner Eltern?

Nein überhaupt nicht. Mein Vater betreibt aus Leidenschaft eine Pferdezucht. Er hätte sich wohl gewünscht, dass ich mich für den Pferdesport begeistere und mit unseren Pferden Turniere reite. Ich fand Pferde zwar toll, aber in sportlicher Hinsicht hat mich das nicht abgeholt. Ich bin auch vom Typ eher „die Axt im Wald“ und bringe da nicht das nötige Feingefühl für die Arbeit mit einem Pferd mit. Ich bin jemand, der sich komplett körperlich verausgaben muss, deswegen habe ich mir ziemlich früh meinen eigenen Bereich gesucht: Turnen und Leichtathletik.

Ich bin mit 15 Jahren „gesichtet“ worden und dadurch auf ein Sportinternat in der ehemaligen DDR gekommen. Zu dieser Zeit existierte dort noch das alte Fördersystem im Jugendsportbereich, das Kaderprinzip mit systematischem Leistungs- und Wettkampfaufbau, mit dem klaren Ziel der Qualifikation für die Olympiade.

Ich bin bis dahin eher kopflos durch die Welt gelaufen und ich habe das Internat als meine große Chance gesehen. Durch die Internatszeit habe ich gelernt, dass sich Leistung lohnen kann. Mein Körper hat sich durch das Training zunehmend verändert, ich wurde stark und aus mir wurde nach und nach ein Athlet. Das fühlte sich nicht nur ganz anders an, das hatte natürlich auch eine ganz andere Wirkung auf mein soziales Umfeld. Plötzlich war ich, der vorher immer schwierig integrierbar war, das Aushängeschild für meine Schule und ihr sportlicher Vertreter auf nationaler/internationaler Ebene. Zwischen meinem 15. Lebensjahr und dem Abitur war mein Leben total vom Sport geprägt und das gab mir notwendigen Halt. Alles war durchgetaktet: 5 Mahlzeiten am Tag, eine Stunde Mittagsschlaf als Pflicht, jeden Tag Sport, auch in den Ferien, und das Ganze mit 40 Jungs auf einer Etage. Im Internatsleben gab es eine Form von regulierender Gruppendynamik. Man lernte, sich im Kader zu bewegen und achtete untereinander darauf, dass keiner ausbricht. Es gab allerdings auch die sogenannte „Internatstaufe“. Wenn dann mal 5 Jungs vor deiner Tür standen, war klar, dass es einen Denkzettel gibt. Wenn man täglich so hart an sich arbeitet, ist es einfach wichtig, dass alle an einem Strang ziehen. Das wirkt von außen betrachtet zwar oft hart und ist sicher nicht für jeden gut und richtig, aber ich kann in solchen Strukturen gut funktionieren und wachsen. Da entwickelten sich bei mir eben Sportsgeist und ein Sinn für Gemeinschaft.

Mit 20 hat mich dann eine Verletzung aus diesem Nest herauskatapultiert. Auch wenn das Ganze sehr leistungsgeprägt war, war das für mich die schönste Zeit meines Lebens und körperlich wie menschlich eine tolle Erfahrung.

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3. Wie kommt man nach dieser Erfahrung dann darauf, Schmied zu werden?

Nach dieser Zeit im Internat, die durch die Verletzung so abrupt beendet wurde, fiel ich in ein tiefes Loch. Für mich war der Sport bis dahin die treibende Kraft, denn ich hatte immer ein Ziel vor Augen. Man braucht ein hohes Maß an Schmerztoleranz, denn man geht jeden Tag aufs Neue dahin, wo es wehtut, und es braucht ein Ziel, von dem man weiß, dass es diesen Schmerz rechtfertigt. Als das wegfiel, hatte ich zwar die Möglichkeit, zu studieren, aber das war für mich persönlich einfach ein Graus. Ich brauche etwas, das nicht nur meinen Geist beansprucht, ich muss mich auch physisch spüren können. Meinen Körper abends in den für mich gewohnten und mittlerweile erwünschten Zustand von Erschöpfung zu bringen, war aber nach dem Ende der Internatszeit keine leichte Aufgabe.

Ich liebte es schon als Kind, mit zum Hufschmied zu fahren, und aus diesem Gedanken heraus kam ich auf den Beruf des Schmieds. Das war für mich etwas, das mich nicht nur körperlich, sondern auch geistig herausforderte. Ich brauche einfach abends dieses schwere Gefühl, das mich ins Bett sinken lässt. Diese Befriedigung, körperlich etwas geleistet zu haben, lässt mich zur Ruhe kommen. Vielleicht hat mich der Beruf Schmied auch gereizt, weil es auf den ersten Blick ein ziemlich männlicher Beruf ist: Eisen, Pferde, Muskeln. Tatsächlich habe ich erst durch diese Ausbildung meine kreative Seite entdeckt. Das künstlerische Erarbeiten und Modellieren von Metall ist, was ich liebe. Ich habe mir sogar das Zeichnen antrainiert, damit ich meine Ideen besser verwirklichen kann.

4. Wärst du auch ohne Ausstieg aus dem Sport Schmied geworden?

Das kann ich schwer sagen. Es gibt grundsätzlich viele Beschäftigungen, die mich einfach nicht erreichen. Wenn ich zum Beispiel den Neuen Wall runtergehe, ist das Ganze für mich vollkommen unwirklich, sämtliches Treiben und Tun auf dieser Strecke ist für mich nicht zu greifen. Ob das der Security-Typ vor der Tür ist oder jemand hinter der Ladentheke: Ich kann mich in solche Berufe schwer reindenken — ich brauche nach getaner Arbeit einfach etwas in der Hand, das ich mit körperlicher und kreativer Arbeitskraft geschaffen habe.

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5. Wer waren die Helden in deiner Kindheit?

Als Kind habe ich mir immer wieder die Nibelungensage von meiner Oma erzählen lassen und ich wäre sehr gerne wie Siegfried gewesen. Ansonsten fand ich immer Müllmänner und Schornsteinfeger richtig lässig.

6. Was wäre eine wirkliche Herausforderung für dich?

„Muße-Momente“ und Stillstand auszuhalten. Ich koche und esse zum Beispiel leidenschaftlich gerne. Aber ich tue mich ziemlich schwer damit, mich einfach hinzusetzen und zu essen. Durch mein kleines Kochritual am Samstag habe ich mir quasi eine Schnittstelle zwischen Arbeit und Freizeit geschaffen. Dafür mache ich früher Feierabend, gehe einkaufen und dann koche ich gerne recht aufwendig so 2-3 Stunden vor mich hin. Dadurch muss ich mich quasi runterbringen, um in Ruhe genießen zu können.

7. Wie schafft man es, bei so harter körperlicher Arbeit fit zu bleiben?

Ich versuche weiterhin jeden Tag Sport zu machen. Samstags Kampfsport mit einem Kollegen, dreimal die Woche Gewichtheben und Turnen, ansonsten Fitness und Schwimmen.

8. Trinkst du Alkohol?

Ja, das ist tatsächlich meine einzige Droge: leidenschaftlich gerne Bier.

 

9. Heute mal richtig faul sein: was fällt dir spontan dazu ein?

Ferien finde ich eigentlich fürchterlich, denn Stillstand kann ich nun mal nur schwer ertragen. Ob das jetzt gesund ist oder auch nicht, ich habe wenig Zerstreuung und versuche, sehr bewusst zu sein. Ich kann natürlich auch mal ein Buch lesen, aber zum Beispiel zum Fernsehen ist mir jede Minute zu schade. Ich habe einfach nicht diesen täglichen „Couchmoment“ und finde das auch total unsexy. Das ist etwas, das ich wirklich lernen musste: 2-3 Stunden stillzusitzen, um sonntags auch mal ausgiebig zu frühstücken und zu lesen. Das ist auch der einzige Tag, an dem ich richtig frei habe.

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10. Schmieden hat eine lange Handwerkstradition mit vielen Riten und Bräuchen. Ist das etwas, das du schätzt oder ist das eher lästiger Ballast?

Auch wenn vieles total überholt ist, kann ich mich durchaus damit anfreunden, solange es nicht dogmatisch wird. Ein Bruch muss immer drin sein, dann aber mit Schwung und es muss dann auch knallen ;-). Menschen auf Wanderschaft auch im übertragenen Sinn eine Bleibe zu bieten, ist zum Beispiel eine Tradition, die mir sehr gefällt und die ich auch pflege. 

Um den Bogen zur Gegenwart zu spannen, habe ich immer irgendwelche „Underdogs“ bei mir im Betrieb. Junge Kerle, die nicht wissen, wohin mit sich, oder einen Flüchtling, das ist meine Art von gesellschaftlicher Verantwortung, die ich übernehme. Sie bekommen hier Halt und eine Perspektive und durch die harte körperliche Arbeit lernen sie, sich wieder selbst zu spüren. Mein erster Jugendlicher kam hier ohne Abschluss an und heute studiert er im vierten Semester Bionik. Dass sich jemand seiner angenommen hat war einfach wichtig für ihn. Er war der klassische Fall eines „Ritalin-Opfers“ und wir haben mehr oder weniger hier in meiner Werkstatt kalten Entzug gemacht. Ein Lehrling, der heute bei mir ist, ist auch jemand, bei dem Zuwendung, echtes Interesse und Arbeit wirklich Früchte tragen werden. Ein 17-jähriger, der stark übergewichtig hier ankam. Für mich war da einfach klar, dass da was mit dem Selbstwertgefühl nicht stimmte. Wir sind dann erstmal zum integrativen Boxen gegangen, bei meinem Freund Christian Görisch. Irgendwie ist dieses Verantwortungsgefühl für die Mitarbeiter etwas, das Handwerk über die Tradition hinaus für mich ausmacht.

Sicher sehe ich das meiste sehr verkopft, da ich aus dem Leistungssport komme, wo alles genau analysiert und optimiert wird. Das ganze unkontrollierte oder auffällige Verhalten von Jungs würde man meiner Meinung nach mit Sport wunderbar in den Griff bekommen. Die Triebfeder für Aggression ist nun mal sehr häufig Unausgeglichenheit oder mangelndes Selbstwertgefühl. Alles Dinge, die für mich Sport oder auch handwerkliches Arbeiten ausgleichen können. Und das ist etwas, das ich gerne vermitteln oder weitergeben möchte. 

Für das Handwerk kann meiner Meinung auch diese ganze Flüchtlingsproblematik ein Segen sein, wenn wir es schaffen, diese Menschen hier zu integrieren. 

11. Immer ein Eisen im Feuer haben — man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist … welcher Spruch würde da zu dir passen? 

Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Ich bin ja im Grunde dazu verdammt. Unfertige Projekte gehen für mich nicht. Meinem guten Freund und Gesellen macht das Machen oftmals mehr Spaß als das fertige Produkt und irgendwie wird darum auch das, was er für sich selbst macht, zu 95 % nicht fertig. Er wehrt sich fast, etwas zu Ende zu bringen, weil es für ihn selten vollendet ist. Ich bin da komplett anders, aber wir haben in unserm Berufsalltag da eine gute Lösung gefunden, mit der wir uns dann schlussendlich perfekt ergänzen.

Immer ein Eisen im Feuer haben ist für mich Sache des „Filou“ und nicht meins.

12. Was ist bei dir im Kühlschrank?

Immer viele Eier, fünf bis 10 brauche ich schon am Tag, kalorienfreie Cola und Wurst und Fleisch von Bauern oder Betrieben, die ich kenne. Aber ich gehe tendenziell lieber frisch einkaufen und horte nicht viel im Kühlschrank. Es muss nicht immer „bio“ sein, aber sicherlich kaufe ich meist nichts Abgepacktes im Supermarkt. Ich bin allerdings alles andere als ein Gesundheitsfanatiker, alles, was ich tue, ist im Grunde ungesund. Auf Eisen eindreschen und Gewichtheben ist nun mal auch nicht gerade gesund, ich bin eben extrem im allen. Meine Maßlosigkeit muss ich durchaus kontrollieren. 

13. Was heißt für dich tendaysaweek?

Dass man etwas komplett lebt und zufrieden damit ist. Ich denke auch, dass ein Leben für den Feierabend nicht gut für die geistige Gesundheit ist. Wenn man vor Montagen Angst hat, weil man zur Arbeit muss, hat man meiner Meinung nach etwas verkehrt gemacht.

14. Bei einer Skala von 1-10 wie geht es Dir heute?

8

Danke für dein Mitmachen - und dass du uns teilhaben lässt.


Quickreport //

1.süß oder salzig? salzig

2. morgens oder abends? morgens

3. mehr ist mehr oder weniger ist mehr? weniger ist mehr.

4. lieber allein oder am liebsten mit vielen? lieber alleine.

5. auto oder fahrrad? auto

6. sekt oder selters? selters

7. berge oder meer? meer

8. electro oder pop? electro

9. bleistift oder kugelschreiber? bleistift 

10. rom oder hongkong? rom

 


found // by cris

Machen wir uns nichts vor: Da kann einem schon mal die Luft wegbleiben, wenn man Johannes das erste Mal begegnet, denn es ist  schwer beeindruckend, welche Kraft und Freudigkeit einem da entgegenstrahlt. Alles an ihm scheint mit Energie vollgepackt  zu sein; viele Muskeln, viel Freundlich- und Freudigkeit, viele Worte und zu guter Letzt verdammt viele Spiegeleier, denn dieser Körper will genährt werden. 

Es ist immer wieder ein Erlebnis für mich, mit welcher Offenheit mir Menschen gegenübertreten — und es ist wirklich erstaunlich, wie unterschiedlich doch das Leben gelebt und gesehen werden kann. Johannes ist für mich ein perfektes Beispiel für Disziplin. Er macht alles solange, bis es funktioniert, auch wenn es wehtut. Er strengt sich an, ob mit dem Eisen in der Hand, beim Gewichtheben oder auf der Schulbank: Da geht noch was, das geht besser, es muss perfekt sein und trotzdem wirkt er dabei ausgelassen und kein bisschen angestrengt. Den Körper spüren und produktiv sein scheint das Elixier für seine gute Laune zu sein. Er macht zu 100% was ihm Spass macht, will der Beste sein— und das gelingt ihm. Das ist eben schwer beeindruckend — tendaysaweek.


 

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