FIVE ROADS BACK HOME

A photographic exhibition by Philipp Rathmer

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Philipp Rathmer ist ein international renommierter Fotograf. Sein Portfolio liest sich wie ein „Who is who“aus allen Bereichen, ob Sport, Musik, Schauspiel oder Politik: Lady Gaga, Sophia Loren, Luciano Pavarotti, Nena, Til Schweiger, Christoph Waltz, Daniel Brühl, Eva Green, Nico Rosberg, Florian David Fitz, Iris Berben, Wladimir Klitschko, Barbara Schöneberger, Andreas Bourani, Hans Dietrich Genscher ...

Für tendaysaweek hat er den literarischen Türsteher Viktor Hacker fotografiert. Diverse Werbekampagnen internationaler Firmen wurden von ihm in Szene gesetzt und perfekt abgelichtet. Aber es gibt da auch noch eine andere Seite seines fotografischen Schaffens, die alles andere als glamourös, aber definitiv genauso beeindruckend ist.

Philipp fotografiert Flüchtlinge. Seine eindringlichen Portraits von Menschen in Aserbaidschan, die innerhalb des eigenen Landes vertrieben wurden und nun schon seit Jahren darauf warten, in ihre Heimatregion zurückkehren zu können, zeigen, was es mit Menschen macht, die ihre Heimat verloren haben. In schonungslos klaren und scharfgeschnittenen Portraits spiegeln sich die Überforderung und das Unverständnis darüber, nach einem vermeintlich friedlichen Zusammenleben mit anderen Volksgruppen unerwartet sein Heim verlassen zu müssen, entwurzelt zu werden. Diese Bilder sind seit 2012 in einer inzwischen international gezeigten und beachteten Ausstellung zu sehen: „Five Roads Back Home“. Uns hat Philipp erzählt, wie es dazu kam.

2012 lief eine Ausstellung von ihm in Hamburg, für die Philipp im Auftrag der Schweizer Organisation „Hear the World“ hörgeschädigte Kinder in Kenia fotografiert hatte. Ein Mitarbeiter der „European Aserbaidjan Society“ war von diesen Bildern so beeindruckt, dass er Philipp fragte, ob er Interesse daran hätte, ein Foto-Projekt mit Flüchtlingen in Aserbaidschan zu machen.

„Ich habe um Bedenkzeit gebeten, weil ich mich erst einmal über den Krieg informieren wollte. Ich habe dann mit einem Freund, der beim ZDF arbeitet, viel recherchiert und hin- und herüberlegt, wie man das machen kann, weil du natürlich immer nur eine Seite zeigst, wenn du die Aserbaidschanischen Flüchtlinge zeigst. Mir war es wichtig, dass es um die Menschen an sich geht und nicht um die Politik. Dieser Konflikt um diese Region geht schon so lange hin und her, dass ich mir da gar nicht anmaßen kann und will, ein Urteil darüber zu fällen, wer da an was schuld ist.“

Philipp entschied sich erst für das Projekt, als auf die von ihm gestellten Bedingungen eingegangen wurde. Er ließ sich ein Budget für die Entwicklung einer Ausstellung zu dem Thema zusichern, ohne sein Konzept offenzulegen. Schließlich bedeutete das uneingeschränkte gestalterische und künstlerische Freiheit. Die erste Reaktion der Geldgeber auf seine Fotos war durchaus etwas überrascht: Philipp zeigte die Flüchtlinge in klaren Portraits vor schwarzem Hintergrund. Nichts war von den Camps zu sehen, in denen sie lebten oder auch nur von dem Land Aserbaidschan. Damit arbeitete Philipp gegen die Erwartungen der Initiatoren des Projektes.

„Für mich war es extrem wichtig, nur die Menschen zu sehen, weil ich das Thema Flucht einfach viel größer sehe als nur diesen Aserbaidschan-Konflikt. Mir geht es um die Flüchtlingsproblematik an sich, überall auf der Welt. Egal, wo Krieg ist: Es sind immer die Menschen, die unter der Politik und den daraus entstehenden Kriegen leiden; die erzählen, dass sie solange gut mit ihren Nachbarn zusammengelebt haben, dass sie jetzt keine Ahnung haben, warum man sich plötzlich die Köpfe einschlägt und sich gegenseitig vertreibt.“

Darum fotografierte er die Menschen vor einem neutralen Hintergrund. Seiner Ansicht nach braucht ein Foto nicht mehr als das, was das Gesicht über die Erlebnisse des Menschen erzählt. Ein Kind, das in einem Flüchtlingscamp geboren ist und dort schon sein ganzes bisheriges Leben verbracht hat, sieht anders aus als ein Erwachsener, der die Vertreibung und den Krieg am eigenen Leib erfahren hat. Und doch ist das Kind von den Erzählungen der Erwachsenen beeinflusst. „Der Konflikt wird von Generation zu Generation weitergegeben.“

Die Flüchtlinge in Aserbaidschan fühlen sich im eigenen Land gefangen: Aus der Region durch Krieg verdrängt, die ihr Zuhause war, leben sie in Flüchtlingslagern. Selbst, wenn diese teilweise einen Mindeststandard an Lebensqualität ermöglichen, sie von ihren Landsleuten umgeben sind und sie ihre eigene Sprache weitersprechen können – sie sind Fremde im eigenen Land. Sie könnten sich theoretisch ein neues Leben aufbauen – wenn ihnen das Gefühl, die eigenen Wurzeln zu verlieren, die Orientierung nicht sehr erschweren würde: Schon ihr Zuhause zu verlassen war nicht ihre freie Entscheidung. Auch, wenn sie keine weiten Wege in fremde Länder gehen, irgendwo einen Asylantrag stellen oder eine ihnen fremde Sprache lernen müssen: Sie sind Vertriebene.

Für Philipp war dieses Projekt nicht nur eine Herausforderung, sondern auch ein Bedürfnis. „Wenn man viele Prominente fotografiert, oder viel Werbung, das sind natürlich viele schöne Fotos, die man da macht, aber am Ende des Tages bleibt wenig davon übrig.“

So sehr er seine etablierte Karriere als Fotograf für Werbung und Society und das Portraitieren von Prominenten auch liebt, ist es für ihn trotzdem wichtig, mit seiner Arbeit auch mehr zu tun als nur schöne Bilder zu machen. Mit Bildern von den Menschen, deren Schicksal wohl sonst kaum internationale Aufmerksamkeit erregen würde, kann er so viel erzählen. Ohne Worte, aber mit der Macht der Emotion. Er kann mit seinen Fotos vielleicht etwas ändern. Zum Besseren.: „Ich will einfach zeigen, dass man diesen Menschen helfen muss. So etwas kann jedem passieren. Wir fühlen uns so sicher – aber wer weiß, was bei uns in zwanzig Jahren los ist? In Syrien hat auch vor dem Krieg niemand gedacht, dass da mal alles zerstört wird. Jeden von uns kann es treffen, das muss man den Menschen einfach klarmachen. Jeder Flüchtling ist ein ganz normaler Mensch wie du und ich. Das ist eigentlich das, was ich damit zeigen will und wofür ich die Aufmerksamkeit der Menschen bekommen will.“

Das ist ihm mit dieser Ausstellung gelungen. „Five Roads Back Home“ war ursprünglich nicht als Wanderausstellung geplant. Aber die erste Ausstellung in Berlin, 2012, war so erfolgreich, dass sie weiterzog: Nach Paris und unter anderem 2014 auch nach Istanbul. Und das Thema Flucht und Vertreibung bleibt wichtig für Philipp.

„Wir reden darüber, dass wir den Flüchtlingen bei uns jetzt erstmal helfen müssen. Aber über die Perspektive für ihre Zukunft mach sich keiner wirklich Gedanken. Wie kann man sie wirklich integrieren, wenn der Krieg, zum Beispiel in Syrien, nicht bald beendet wird? Wenn der Krieg morgen vorbei wäre, würden die meisten Geflüchteten am Liebsten übermorgen zurück nach Hause gehen und den Wiederaufbau anfangen. Aber was ist eigentlich, wenn das nicht so geht und der Konflikt noch lange andauert? Wie hilft man den Menschen dann? Genau diesen Gedanken, der hinter den Bildern steht, findet die Presse zum Glück genauso spannend wie ich: Dass die Flüchtlinge als Menschen gezeigt werden und man sie auch so sehen muss. Das machen eben viele nicht. Viele sehen ja immer nur bestimmte Konflikte ohne den Menschen zu sehen.“

Philipps Ausstellung wird ab 22.02.2017 in Brüssel gezeigt. Er hofft, dass sie dann auch einmal in Aserbaidschan selbst gezeigt wird, was zum Beginn des Projektes noch nicht geplant war. Seitens dortiger Diplomaten besteht daran inzwischen großes Interesse. Sollte die Ausstellung einmal in Baku gezeigt werden, hofft Philipp, dass auch die von ihm portraitierten Menschen eingeladen werden. Denn dann würden sie spüren, dass sich die Hoffnung ein wenig erfüllt, die sie hatten, als Philipp die Bilder von ihnen machte: Dass sie und ihr Leben endlich gesehen werden.

Philipp bereitet inzwischen schon das nächste Projekt vor: Im Sommer wird im Hamburger Rathaus eine Ausstellung gezeigt werden, die Bilder von syrischen Flüchtlingen, die in Hamburg leben zeigt. In Interviews erzählen sie dazu, wie sie zuhause in Syrien gelebt haben, bevor der Krieg sie zwang, ihre Heimat zu verlassen: „Wir thematisieren den Krieg selbst eigentlich gar nicht. Es geht immer nur darum, wie die Menschen da gelebt und was sie gemacht haben. Das war nicht viel anders als unser Leben hier, schließlich war Syrien vor dem Krieg eines der am höchsten entwickelten Länder im Nahen Osten. Die Menschen sind in Nachtclubs gegangen, haben Picknicks gemacht, Juden, Christen und Moslems haben miteinander gearbeitet, gefeiert - einfach gelebt, wie wir hier auch.“

 

we love it — tendaysaweek

An exhibition for The European Azerbaijan Society


philipp rathmer // It is one of the world’s forgotten conflicts. For almost hundred years, Armenia and Azerbaijan have fought over Nagorno-Karabakh, a border region with a majority Armenian population. The conflict between the two former Soviet republics peaked in a bloody war in 1992 that killed tens of thousands of people, in the aftermath of which Armenian troops occupied Nagorno-Karabakh and its surrounding areas, driving out most of the Azerbaijani populace.

Twenty years later, the conflict is far from over; a ceasefire secures a fragile peace, and for the victims of war and expulsion it is far from forgotten. They suffer the consequences to this day.

This exhibition shows portraits of 50 of these victims of war. Their faces tell of their suffering as well as of their hope to return on one of the five roads that lead back into the occupied areas—one of the "FIVE ROADS BACK HOME"...


The European Azerbaijan Society www.teas.eu //  is a UK-registered pan-European organisation dedicated to raising awareness of Azerbaijan and fostering closer economic, political and cultural links between that country and the nations of Europe.

As well as promoting the positive aspects of Azerbaijan, TEAS also highlights the plight of the 875,000 refugees and Internally Displaced Persons within the country. These people are unable to return to their homes and lands because of the illegal occupation of Nagorno-Karabakh and seven surrounding regions by Armenia's armed forces – in defiance of four UN Security Council resolutions.

TEAS was launched in November 2008, having initially been established as the London Azerbaijan Society four years earlier. The organisation now has offices in the UK, Belgium, France, Germany and Turkey, along with a representative office in Azerbaijan.


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