Radio Heimat

Ein Film mit Stephan Kampwirth // Abaton Kino

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"Die Erinnerung lügt fast immer. Diverse Wissenschaftler sind inzwischen der Meinung, dass wir uns unsere Erinnerungen unbeabsichtigt zurechtbiegen – und man Jedem auch Dinge als Erinnerung verkaufen kann, die er nie erlebt hat."


„Radio Heimat“ erzählt Erinnerungen an das Leben Jugendlicher im Ruhrpott“ in den 80ern, basierend auf Kurzgeschichten mit biografischem Anteil von Frank Goosen – und das macht diese launige Komödie ziemlich gut! Denn genau das ist dieser Film.

Kein Historienfilm über die bundesdeutsche Wirklichkeit vor dem Mauerfall (Kalter Krieg und DDR spielen absolut keine Rolle vor dem für 16jährige schließlich viel wichtigeren Problem, wie man an Mädchen rankommt), kein Polit-Drama über gesellschaftliche Umbrüche (Friedensbewegung und „Atomkraft – Nein Danke!“ sind aus dem gleichen Grund vernachlässigt), sondern eine charmante Komödie, die ganz offen nostalgisch daherkommt – und das gleich zweifach.

Da ist vor allem die Geschichte der Clique von Frank (David Hugo Schmitz), Pommes (Jan Bülow), Spüli (Hauke Petersen) und Mücke (Maximilian Mundt) und ihrer verzweifelten Suche nach einem Ausweg aus dem altersgemäß üblichen Hormonstau. Die vier jungen Schauspieler geben sehr überzeugend eine verschworene Freundesgemeinschaft, die eng zusammenhält und ihr großes Ziel verfolgt: Ran an die Frau, und zwar fix. Ihre diversen Versuche, ihren ersten BH-Verschluss zwischen die Finger zu bekommen gehen vom Singen in einem Bergmanns-Chor über linkische Schritte in der Tanzschule bis hin zur Organisation diverser Partys in den Kellern der Eltern. Angefüttert mit dem schnodderig-warmen Lokalkolorit von Familienmitgliedern und Freunden im Pott und allem, was man sich an Requisiten, Essen und Partygetränken aus den 80ern nur vorstellen kann, ist das wirklich witzig erzählt und durch die Bank weg liebevoll inszeniert, ausgestattet und bis in die kleinste, prominent besetzte Nebenrolle sehr warm und gemütlich gezeigt.

Und dann gibt es dazwischen noch die Liebes- und Lebensgeschichte der Eltern des Erzählers Frank (herrlich charmant und leicht gespielt von Sandra Borgmann und Stephan Kampwirth), die der bundesdeutschen Gemütlichkeit noch eins draufsetzt und uns den Rücksturz in die 60er beschert. Okay, diese Geschichte geht hart an die Grenze zum Kitsch, schließlich gibt es nicht den Hauch eines Problems. Aber launige Dialoge und die gute Besetzung, zusammen mit der Ausstattung, lassen diesen Teil der Geschichte fast märchenhaft erscheinen und geben der Figur des Erzählers Frank das sichere Futter eines geliebten Kindes – das dann eben in seiner Geschichte darum so selbstbewusst und sicher agieren kann.

Man könnte dem Film bestimmt einiges vorwerfen, wenn man unbedingt will: Er setzt auf eine sehr detailverliebte Ausstattung, die jeden, der die 80er miterlebt hat entweder in nostalgische Schwärmerei oder ungläubiges Gelächter stürzt (sahen wir und unsere Zimmer echt so aus?! Ein Blick auf alte Fotos, und die Antwort wird schmerzlich klar ...). Dabei ist der wenige Dreck, den man sieht – besonders auf den Straßen der 60er – ausgesprochen pittoresk und selbst die Zechen sauber und gebürstet. „Radio Heimat“ besteht aus nur lose verbundenen einzelnen Geschichten, viele Figuren agieren nicht miteinander, obwohl sie doch eng verbunden sein sollten und das einzige dramaturgische Bindeglied ist der verzweifelte Versuch der Teenies, endlich Sex zu haben ... Aber, ehrlich gesagt: Geschenkt!

„Radio Heimat“ kommt leicht, sehr unterhaltsam und liebevoll gemacht daher. Der Film gibt auch gar nicht vor, mehr zu sein als eine nostalgische Coming-of-Age-Komödie. Und genau das ist er auch. Angefüllt mit reichlich Pop-Musik der Zeit, schlimmen Fönfrisuren, Schuppentrichtern und Karottenhosen lädt er zu einem kleinen Schulausflug in die Vergangenheit ein, als die Feinde von James Bond noch alle in Russland lebten, moderne Mädchen aussehen wollten wie einer von Charlies Engeln und Mett- und Käse-Igel auf keiner Party fehlen durften.

Wer sich „Radio Heimat“ ansieht, bekommt ganz sicher keine umfassende Geschichtsstunde. Aber gut anderthalb Stunden liebevoll gemachte Komödie, gespielt von einem Ensemble, dem man jede Minute des Films den Spaß am Erinnern anmerkt – auch wenn es früher bestimmt gar nicht so schön war, wie es hier aussieht, sondern eben auch scheiße. Aber der Film ist alles andere als das. „Radio Heimat“ macht einfach Spaß.


„Radio Heimat“ // Kinostart: 17. November 2016


Mit // David Hugo Schmitz, Jan Bülow, Hauke Petersen, Maximilian Mundt, Milena Tscharntke, Marie Bloching, Stephan Kampwirth, Sandra Borgmann, Ingo Naujoks, Anja Kruse, Jochen Nickel, Rouven Israel, Uwe Lyko, Peter Lohmeyer, Ralf Richter, Elke Heidenreich, Petra Nadolny, Peter Nottmeier, Heinz Hoenig, Hans-Werner Olm, Martin Semmelrogge, Willi Thomczyk

Regie & Drehbuch // Matthias Kutschmann  

nach Motiven aus „Radio Heimat“ und „Mein Ich und sein Leben“ von Frank Goosen

„Früher war auch alles scheiße.“

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