Anna Genger

artist // founder L'apotheque, historic museum for sextoys

Ihr schönes Köpfchen brühtet immer irgendetwas aus — und auch wenn die Realisierung Ihrer Ideen ihr selbst viel abverlangt, bleibt sie dran oder sucht immer nach Möglichkeiten, um schöpferisch tätig zu sein.

Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes ‚ein heisser Feger‘ und das sage ich bewusst als Frau. Weil ich es nicht sexistisch meine, sondern mir gefällt einfach die Selbstverständlichkeit mit der sie mit Sexualität umgeht und sich selbst in Szene setzen kann. Sie tut das, was sie will und fegt und wirbelt dabei gerne mächtig Staub auf— Chapeau Madame 

PS// dieses Interview ist im Zeitraum des zweiten Lockdowns entstanden und wurde ausschliesslich per Mail— und whatsApp geführt. Eine besondere Zeit und besondere Herausforderung… auch für uns.

anna———————————————— Es gilt sich der Herausforderung zu stellen, Rastlosigkeit als Status quo zu akzeptieren. Kreativität und Selbstbestimmtheit sind für mich der Inbegriff von Freiheit. Freiheit bedeutet aber auch zu einem gewissen Grad Einsamkeit und diese zu akzeptieren als Begleiterscheinung der gewählten Lebensform ist eine Entscheidung. Die Kunst liegt darin diese Entscheidung nie als Bemühen zu empfinden.

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anna———————————————— Ernstzunehmende expressive Kunst grenzt sich von Art Brut durch die kritische Introspektion der kunstschaffenden Person ab. Eine ergebnisorientierte, sich im Kanon ernstzunehmende Platzierung erarbeitende Kunst muss unbedingt eine bewusst getroffene Entscheidung sein. Die Entscheidung kunstschaffend zu wirken hingegen, ist meiner Meinung nach, intrinsisch mit der eigenen Existenz verwoben wie das Bedürfnis zu atmen. Ich gehe soweit, dass ich Künstler*innen, die sich erst im Erwachsenenalter anfangen für Schaffen zu interessieren nur im Ausnahmefall ernst nehme. 

Dennoch ist klar zu differenzieren, dass Leidenschaft nicht automatisch impulsorientiert ist. Künstlerische Leidenschaft ist eine zerebrale Intention, auch wenn sie die Kraft hat den Körper im Ganzen mit einzubeziehen. 

anna————————————————Ich tue mich sehr schwer diese Frage zu beantworten. Es liegt so auf der Hand, dass jede, nach außen wirkend, selbstsichere Person zumindest innen zerbrechlich und womöglich sogar sehr unsicher ist, dass mich die Frage sehr irritiert. Ich denke nicht, dass sich seiner selbst bewusst sein etwas mit Selbstsicherheit zu tun hat.

Der Umstand, sich in der Öffentlichkeit präsentieren zu wollen und vielleicht auch zu müssen, schult einen die Adaption. Die künstlerische Tätigkeit hat damit überhaupt nichts zu tun, ganz im Gegenteil. Einem wird bei Lampenfieber empfohlen sich das Publikum nackt vorzustellen, das halte ich für komplette Idiotie. Die Aufgabe ist eher Vulnerabilität als Geschenk anzuerkennen. Sie ist ein wertvoller Aspekt der eigenen Persönlichkeit und die wahre Stärke entfaltet sich erst, wenn man sie offen akzeptiert und mit ihr reflektiert umgeht.

Ein(e) kluge Krieger*in nutzt die eigene Angst, sich nie selbst zu überschätzen. Und ja, ich sehe das alles als (Lern-)Prozess. Das ist das schöne an unserem Leben, dass wir die Macht haben, Einfluss auf unser eigenes Denken und Handeln zu nehmen.

anna———————————————— Ich setze mich bewusst über dichotomische Vorgehensweisen hinweg. Ausgangspunkt meiner Arbeit sind Philosophie und Poesie. Wie eine Tänzerin Musik in Bewegung umsetzt, übersetze ich Gedanken in Bilder. Intuition ist ein Teilaspekt, aber wie die Tanzausbildung und das Training den Körper schult und die tänzerische Ausführung definiert, so ist auch meine Kunst durch Bildung beeinflusst und durch gezielte Absicht geprägt. 

anna———————————————— Nein, es ist ein Verzicht auf Reduktion. Unsere Welt ist unfassbar kompliziert, deshalb sehe ich keine Veranlassung in meiner Kunst meine Überlegungen zu simplifizieren. Gefälligkeit findet Platz im Design und die klare Struktur ihren Raum in der Literatur.

Eine Explosion der Wahrnehmungen, ein orchestrales Erlebnis, ein unbequemes und aufregendes Abenteuer, ein Plädoyer an das Leben- das soll meine Arbeit sein.

anna———————————————— Ich habe das Geschäft meiner Mutter übernommen, die antike Apotheke inmitten von St. Pauli von 1799. Als Künstlerin war es klar, dass ich die Räumlichkeiten meinem Lebenskonzept anpassen muss. Die Kombination von Kunst und Körperlichkeit macht im Kontext der pharmazeutischen Atmosphäre Sinn und wir haben hier die Chance etwas entstehen zu lassen, was Hamburg bisher nicht kennt. Ein Ort, an dem auf hohem Niveau über Sexualität, Identität und Kunst gesprochen werden kann. Wir wollen hier auch zeitgenössische Kunst zeigen und irgendwann rauschende Feste feiern. 

Mein Freiheitsbegriff, meine Neugier und die Bereitschaft unerforschte Wege zu gehen formen L’apotheque zu einem Ort, der hoffentlich genauso eine Explosion der Sinne und ein Plädoyer an das Leben sein wird, wie ich es von allem, was ich tue, erwarte.

anna———————————————— Dich erwartet die eine oder andere Überraschung. Bianca Müllner, meine Geschäftspartnerin, und ich bereiten mit Liebe und Sorgfalt die Einrichtung des Museums vor und planen neben ehrgeizigen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, einen gastfreundlichen Hafen für neugierige Besucher*innen zu schaffen. Die fantastische Vielfalt meines weitreichenden Netzwerks erlaubt uns branchenübergreifende Projekte zu verwirklichen. Möglichkeiten, die uns selbst täglich aufs Neue überraschen und es langfristig aufregend bleiben lassen.

anna———————————————— Ich verstehe Hindernisse als Herausforderung höher springen zu lernen. Das hilft sehr in scheinbar ausweglosen Situationen. Ich habe ein Urvertrauen darin, dass ich ein Glückskind bin und bisher sind alle Dinge, die ich mir vorgenommen habe, irgendwie auf mirakulöse Weise zu unser aller Überraschung wahr geworden.

Visualisieren und Manifestation sind mittlerweile etwas abgegrabbelte Begriffe, aber ich glaube fest an diese Praktiken. Ich habe alle meine Eier in einen Korb gelegt und vertraue auf meinen Instinkt. Die aktuelle unstetige Situation bremste lange die Möglichkeit aus, Gäste zu empfangen und Tourist*innen unser Museum zu zeigen, deshalb war es überlebenswichtig, einen begehbaren Weg zu finden.

Der neue und mich sehr begeisternde Weg ist einen L’apotheque GIN zu machen. Wir freuen uns auf aufregende limitierte Editionen in Kooperation mit Künstler*innen und Designer*innen und unsere erste Zusammenarbeit ist eine ganz besondere. Die Chefdesignerin von Inner sanctum Julia Wiegandt hat sich fantastische Cover für die Flaschen ausgedacht und wir können es gar nicht erwarten, sie in unseren Regalen und unserem Online-Shop präsentieren zu dürfen.

Es ist ein Privileg, in diesen sturmumwobenen Zeiten so fantastische Menschen kennenlernen zu dürfen, die uns mit so viel kontributierender Kreativität ermöglichen, L’apotheque Mosaikstein für Mosaikstein zu realisieren. Ich freue mich auf unsere unfassbar rauschenden Feste nach der Pandemie. 

anna———————————————— Ich lebe den Luxus morgens mit Milchkaffee und Kerzen, Bücher über Polygamie und sexuelle Aufklärung zu lesen und es Arbeit nennen zu dürfen. Selbst das tägliche Yoga und Joggen ist die Vorbereitung dafür, fitter vor der Kamera auszusehen. Streng genommen also auch Arbeit. Pause mache ich mit exorbitantem Sex, wunderbaren Freunden und meinen unfassbar niedlichen Tieren.

anna———————————————— Madonna

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Sing und schwing das Bein, lass die Sorgen Sorgen sein.
In das Lied stimm ein, froh nach Fraggle-Art.

Rackern muss man doch, tanzen kann man morgen noch.
Mein Freund die Tassen hoch, mit Gobo, Mokey, Wembley, Boober, Red.

Sing und schwing das Bein, lass die Sorgen Sorgen sein.
In das Lied stimm ein, froh nach Fraggle-Art.


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