Peer Hanslik

10bici- Fahrrad Galerie

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peer-textkachel21.„ We love what we do“ ist die Überschrift unseres Blogs – damit sprechen wir Menschen an, bei denen wir das von außen betrachtet so sehen. Erzähl uns, was macht den Reiz und die Liebe aus, einen Fahrradladen auf St.Pauli zu eröffnen? 

Es ist ja nicht unbedingt ein Fahrradladen im klassischen Sinne, sondern mehr eine Fahrrad Galerie. Man kann sagen, ich habe mich einfach in die italienischen Fahrräder der 70er, 80er, 90er verliebt und alles, was mit diesem „italienischen Lifestyle“ dieser Zeit zusammen hängt. Die Logos, die Rennfahrer, die diese Räder gefahren haben, die Strecken, Agnelli, Fiat 500, Portofino… Ich habe viele Sammler als Kunden, die die Räder nicht kaufen um zu fahren, sondern sie wie ein Schmuckstück an die Wand zu hängen. Wir haben dafür sogar eine Hängung entwickelt, die es ermöglicht, das Rad an der Wand fast schweben zu lassen. Sehr minimalistisch, nur aus Acrylglas— diese Hängung zaubert sich dadurch scheinbar weg. Natürlich kommen auch Kunden, die dieses Konzept der „Fahrrad-Galerie“ null verstehen. Meist Männer ab 40, für die nur die Technik den Reiz eines Fahrrads ausmacht. Ich kann mich mehr für die Form eines Bremshebels begeistern oder verlieben. Mich fasziniert einfach das Design und die Zeit, als solche Räder noch in Manufakturen gefertigt wurden — die meisten in Italien. Liebevoll hergestellt, mit einem Output von wenigen Hundert Stück — jenseits der Massenproduktion. Masi z.B. ist eine solche Marke. Der Mann ist heute 80 Jahre alt und schweißt nur noch ein Mal im Jahr und dabei umgeben ihn zahlreiche Kamerateams. Für mich sind eben die Geschichten mit und hinter den Rädern wichtig. Deswegen interviewe ich auch die Menschen, bei denen ich ein Rad persönlich abhole und fotografiere sie. So bekommt jedes Rad eine Art Vita und ist kein kaltes Ding, das man nur vom LKW runter holt — es hat Geschichte.

 

2. Warum ist dein kleiner Laden ausgerechnet auf St. Pauli?

St. Pauli ist entstanden, weil ich dort eine schöne kleine Immobilie mit Schaufenster gefunden habe und zudem ist St.Pauli ein Ort, den man weltweit kennt. Wenn ich Räder nach Bangkok oder Oklahoma verkaufe, ist St. Pauli einfach ein Begriff.


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3. Du fährst nach Italien, holst deine alten Räder quasi persönlich ab und fotografierst die Vorbesitzer — Nostalgie pur. Wie bist du auf diese kleine charmante Geschäftsidee gekommen?

Vor fünf Jahren hatte ich, mit knapp 50 Jahren, das Gefühl, dass man nach fast 30 Jahren Werbung was anderes machen müsste. Ich suchte quasi nach einer Art „Exit-Strategie“ und bin dabei auf Radfahrer gekommen. Für mich ist das Rad eine der größten Erfindungen der Menschheit. Du machst Sport, kommst von A nach B und hast ein schönes Objekt. Zudem gibt es mittlerweile eine große allgemeine Akzeptanz dem Radfahrer gegenüber. Früher hieß es: Kann der sich kein Auto leisten. Heute ist das, zumindest in der Stadt, doch schon fast anders rum. Man bedauert doch eher die Autofahrer. Die arme „Wurst“, hat es nötig dieses Image um sich aufzubauen und steht damit auch noch im Stau. Auf dem Land ist das sicher noch etwas ganz anderes. Auch wenn es mittlerweile ein sehr „angesagtes“ Produkt ist, war mein Ansatz nicht, sich der Hipster-Kultur anzuschließen. Es ist einfach parallel entstanden und wird wohl etwas sein, was mich ewig begleiten kann und wird. Da bleibe ich dabei — klein aber fein.


4. Bist du generell ein Nostalgiker ?

Ja, irgendwie bin ich schon stehen geblieben. Auch wenn ich mir meine CD Sammlung ansehe oder auch „kleidungsmäßig“, irgendwas hat sich da wohl nicht weiter entwickelt ;-). Ich gehe sehend durch die Welt — wenn etwas Neues kommt und mich „kickt“ dann begeistert mich das auch. Ich verwehre mich nicht, aber allgemein haben die alten Sachen, auch dadurch, dass sie jetzt so selten sind, viel mehr Sammlercharakter und sind eben keine Dinge, die zu tausenden aus Fabriken ausgespuckt werden. Sie sind etwas besonderes. Das ist natürlich auch so ein Ding unserer Zeit, man will sich immer mehr differenzieren und das schafft man am besten durch Unikate, oder dem „manufactum Gedanken“heraus (wo alte Produkte, neu produziert werden).

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5. Warst du schon immer ein Fahrrad-Schrauber??

Nee, ich habe mir einiges beigebracht und nach drei Jahren wird man immer besser, aber ich habe natürlich als Backup einen richtigen „Profi“. Das ist schließlich ein richtiger Lehrberuf und da braucht man schon jemand mit richtig Ahnung. Man hat ja auch Verantwortung. Ich habe auch andere Talente. Ich mache lieber eine Kampagne, die Räder verkauft, als zehn Stunden an einem Rad zu schrauben, wo er das in 3 Stunden schafft. Ich gebe das gerne ab, an jemanden, der das mit viel Liebe tut. Ich möchte ja kein „Reparatur- Stübchen“ sein, hier geht es eben um was anderes.


6. Was wolltest du als kleiner Junge werden?

Schwer – ich glaube Pilot fand ich mal cool. Zur See wollte ich auch mal fahren, typische Jungsträume eben.


7. Du bist ein Kreativer im Leben wie im Beruf. Du fotografierst, machst Laubsägeportraits von RAF- Mitgliedern, bist Art Direktor, hast Agenturen gegründet, verkaufst Retro-Fahrräder, vermietest Loftspaces, entwickelst eine App, das ist mehr als eine 4-Säulen-Strategie. Wann ist es dir mal genug? 

Man muss schon aufpassen, dass man sich nicht verzettelt — ich denke jetzt reicht es und es kommt nicht noch viel dazu. Jetzt ist eher die Phase, wo man mal eins einstampfen muss. Man ist dann einfach auch nicht so „stark“, wenn man seine Kraft auf viele Dinge „verschießt“. Aber das mit dem Rad ist etwas, was stärker wird, weil es mir auch einfach viel Spaß macht. Dafür werden andere schwächer —Werbung zum Beispiel. Wenn einem etwas Spaß macht, dann ist es eben auch gut. Ich habe auch zwei Kinder, ich muss zeitlich auch zusehen, dass ich das gut tackte. Im Moment habe ich wenig Zeit und Kopf für die „Kunst“, aber you never know —es gibt ja genug Zeit. Man lebt schließlich ein Leben lang. Gerade ist der Fokus „Rad“, das ist einfach auch ein weites Feld. Ich werde mich ja demnächst noch vergrößern, da hätte ich schon auch Lust auch Kunst zum Thema Rad auszustellen. Überhaupt es gibt so viel Geschichte drum herum, alleine über die Radfahrer oder die Rennen. Es fasziniert mich, dass man früher mit nur 2 Gängen 400 Kilometer über Schotterpisten gefahren ist. Das ist mörderisch, dagegen wirken Rennen heute fast wie Bullerbü. Die Radfahrer hatten teilweise „Staublungen“, weil sie so viel auf Staubpisten gefahren sind. Wie gesagt, ein umfangreiches Thema.


8. Bist du eine „Wettkampfsau“ oder mehr der gemütliche „ich fahr mal ins Grüne“ Radtyp?

Wenn ich Radrennen mitmache, will ich jetzt nicht unbedingt Erster werden, aber ich meine es schon ernst. Diese Räder sind aber auch nicht dafür gemacht nur 5 km/h zu fahren. Es ist eben ein Rennrad und kein Cruiserrad. Das ist wie mit einem Ferrari—der liebt es auch schnell zu fahren. Man lebt irgendwie mit auf, wenn es schnell geht, es geht leicht, der Fahrtwind… aber das empfinden Menschen ja unterschiedlich. Zum Glück gibt es dafür langsam auch ganz schöne Radstrecken in Hamburg. Hinter den Deichtorhallen Richtung Entenwerder zum Beispiel, oder noch weiter — da sind doch Steuergelder mal gut angelegt.


9. Die Kunst des Lebens und dafür arbeiten oder Exitstrategie?? An welchem Punkt stehst du gerade?

Ich sehe das gar nicht so wie „Unternehmensberater“ diese Frage gerne mal stellen: Wo siehst du dich in 5 Jahren (Kommentar cris // „Diese Frage hätte ich fast auch gestellt- :-)))) Darauf habe ich leider keine Antwort, ich lebe zu sehr im Hier und Jetzt. Ich bewege mich in Richtung Exit-Strategie, aber wer weiß schon, was in ein paar Jahren ist und ob und wann sich das auch finanziell realisieren lässt. Da muss man auch einiges für tun, es reicht halt nicht 4 Räder hinzustellen und alles läuft von selbst. Man muss schon auch aktiv potenzielle Märkte erschließen. Jetzt möchte ich z.B. in China etwas machen. Das ist ja ein riesen Markt…wenn nur jeder Millionste mich gut findet, dann habe ich schon 1000 Räder verkauft.


10. Es scheint als ob du ein Mensch bist, der sein Leben gut gestalten kann. Meint das Leben es gut mit dir — oder ist das schwer sich selbst treu zu bleiben?

Das klingt jetzt so spielerisch, aber sich immer wieder zu häuten ist auch für mich nicht immer einfach. Ich muss ständig selektieren, was kann ich, was macht mir langfristig Spaß. Man muss sich verabschieden können. Mit über 50 als Art Direktor muss einem eben auch klar sein, die Welt wartet nicht auf dich. Weder mit den gewohnten Gehältern, noch mit der Belastbarkeit. Es gibt nun mal einige, weitaus Jüngere, die für weniger Geld diesen Job machen. Wobei ich den Beruf nach wie vor schön finde. Im Prinzip mache ich ja jetzt auch ne Kampagne, nur eben nicht mehr für Kunden, sondern für mich. Vielleicht ist meine Strategie dahinter, ein bisschen das Leben als Kampagne zu sehen, ohne permanent überzeugen zu wollen.

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11. Was ist die beste Idee bis jetzt in deinem Leben??

Bestimmt — viel von der Welt gesehen zu haben und zu reisen. Da kann einem einfach nicht irgendwer erzählen wie etwas wo aussieht, man macht sich einfach selbst ein Bild davon. Man erlangt dadurch ein Bewusstsein, dass hier ein Mensch anders beurteilt oder sieht, wie jemand, der am Amazonas lebt. Oder wenn ich an das Leben in London in den 80ern denke, wo ich zu dieser Zeit lebte. Das war ein vollkommen anderes zu dem heute. Diese Erlebnisse und Begegnungen machen einen einfach viel gelassener, den Dingen oder der Arbeit gegenüber. Wenn heute jemand vor mir „aus der Haut“ fährt, ist das nichts, was mich wirklich aufregt. Schau dir einfach einen Stein an, der ist 4 Millionen Jahre alt. Da sollte man diese 40 Jahre Arbeitszeit doch dementsprechend einordnen und versuchen es sich nett zu machen. Durch das Verändern der eigenen Koordinaten forcierst du einfach eine Gelassenheit. Wenn man nur in seinem kleinen Reihenhaus in Jenfeld stecken bleibt, beängstigt einen die Welt da draußen doch viel mehr. Ich habe keine Berührungsängste zum Beispiel meine Räder auch in China zu verkaufen oder Oklahoma. Man sieht sich mehr als eine Weltgemeinschaft, Nationen übergreifend. Diese Sehnsucht danach fing bei mir schon in jungen Jahren an und ich bin froh, dass meine Eltern mir das auch früh ermöglicht haben. Mit 18 Jahren allein per Inter-Rail bis Marokko, oder mit dem Auto nach Algerien oder eine Reise nach Kuba. Das war schon irre, in einem Sommer sind wir 14000 Kilometer gefahren — davon zehrt man einfach noch heute ;-), beruflich wie fürs Leben. Ich habe Geschichten erlebt, da würde man denken hier sitzt ein alter Seemann. Allein über Airports dieser Welt könnte man ganze Bücher füllen. Ich habe viel gesehen und mich begeistert einfach vieles.


12. Nenne mir bitte spontan drei bis fünf Begriffe, die dir zu 10 bici einfallen? 

Galerie, authentisch, Originalität, 80er Jahre Italy -Stil, Agnelli


13. Mal kurz die Augen zu- was siehst du?

Riviera — für mich das Reiseziel alter Zeiten. Thomas Mann hat darüber ein sehr schönes Buch geschrieben. Ich dachte auch schon daran, dort Radtouren anzubieten, aber ich muss langsam darauf achten mich nicht zu verzetteln. Oder „go-pro“ bei einer solchen Tour—quasi permanent dran an einem Fahrer und man kann sich einfach einklinken. Das machen einige sogar bei der Tour de France, das ist sehr live und nah dran. Ich glaube Tour de France ist das allerhärteste, was der Sport so zu bieten hat. Leider sind viele auch gedopt, um da mithalten zu können. Es gewinnen aber meist die kleinen Zähen, nicht Menschen meiner Statur. Jedes Kilo weniger zählt da einfach. Radfahren ist offensichtlich sehr präsent in meinem Kopf— aber ich bleibe gerne auch in meiner Blase der alten Zeit — Riviera in den 60ern.


14. Tendaysaweek bedeutet für dich?

Viel Präsenz und viel Arbeit. Wenn ich aber mal ganz ehrlich bin, bin ich tendenziell eher ein „fauler“ Mensch und versuche die Prozesse, mit denen man Geld verdienen muss, sehr „taff“ zu machen, um dann Zeit zu haben für etwas anderes. Ich brauche einfach auch viel Zeit, um meine Batterie aufzuladen. Das habe ich in den Agenturen auch nie wirklich verstanden, dass man permanent arbeiten muss. Meist liegt diese viele Arbeit am falschen Management. Ich möchte mit offenen Augen durch die Welt gehen — tendaysaweek.


15. Auf einer Skala von 1-10: Wie geht es Dir heute?

heute 5-6, mir sitzt noch der Keuchhusten in den Knochen.

 

… Danke für dein Mitmachen – und dass du uns teilhaben lasst.


Quickreport:

1.süss oder salzig? süss

2. morgens oder abends? morgens

3. mehr ist mehr oder weniger ist mehr? weniger ist mehr

4. lieber allein oder am liebsten mit vielen? lieber alleine

5. auto oder fahrrad? fahrrad

6. sekt oder selters? selters

7. berge oder meer? meer

8. electro oder pop? pop

9. bleistift oder Kugelschreiber? bleistift

10. rom oder hongkong? rom


found // by cris

Peer, kreativer Exilbremer in Hamburg, mit einem grossen Hang zur Nostalgie. Als typisch norddeutsch würde ich ihn beschreiben, denn er ist groß, blond, wirkt gelassen und eher introvertiert, ist freundlich aber nicht übermütig, beobachtet was um ihn passiert und ist scheinbar kein Mensch, der die Aufmerksamkeit auf sich braucht. Peer macht einfach sein „Ding“, oder besser gesagt, seine „Dinge“, denn das sind viele. Er begeistert sich für vieles, aber weiß zu selektieren. Er liebt das Schöne und kann sich für Farben, Formen und schönes Design genauso begeistern wie für guten Wein oder den Moment am Meer, wenn die Sonne alles in rotes Licht taucht — er gehört zu denen, die genießen und nicht nur konsumieren können. Ein kreativer Lebensgestalter eben, der keinen Sinn darin sieht, sich dafür aufzuopfern, denn die Dinge, die er tut, sollen ja Spaß machen und nicht zur Last fallen — tendaysaweek.

 

 

Kommentare 3

  1. Super Style, da will man sich in die Merinowolle werfen, Radcap auf und sein Stahlrenner rollen lassen und zwar tendaysaweek.

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